Kinder gemeinsam mit ihren Müttern auf der Straße, ohne Familienrückhalt, ohne Zukunft? Vor 20 Jahren sprach kaum jemand über das Phänomen obdachloser Kinder und ihrer Mütter und die Schicksale, die sie erleiden. Es war noch wenig Bewusstsein für diese Problematik da. Auch deshalb, weil Frauen ohne feste Bleibe eher versuchten, ihre Not und die ihrer Kinder zu verstecken, so unauffällig wie möglich zu bleiben. Dabei waren bereits Ende der 90er-Jahre allein in München Tausende Menschen obdachlos. Nachdem Jutta Speidel von obdachlosen Kindern in ihrer Stadt erfahren und recherchiert hatte, unter welchen Bedingungen die Betroffenen leben, handelte sie: Sie gründete 1997 die private Initiative HORIZONT, um obdachlose Kinder mit ihren Müttern aus dem Schattendasein herauszuholen und ihnen effektiv zu helfen. Seitdem konnte HORIZONT mehr als 2.500 Menschen in ein selbstbestimmtes Leben begleiten.

HORIZONT bietet wohnungslosen Kindern und ihren Müttern ein sicheres Zuhause auf Zeit und eine intensive Betreuung – seit 2004 in einem eigenen Schutzhaus, in dem 24 voll ausgestattete Wohnungen mit Bad und Küche und zwei Notzimmer zur Verfügung stehen. Hier finden die kleinen Familien Geborgenheit und die Basis füreinen Neubeginn. Jeden Tag, rund um die Uhr, ist ein pädagogisches Fachteam da, das umfangreiche Hilfestellung leistet und auf die individuellen Bedürfnisse der Bewohner*innen eingeht. Denn HORIZONT hat das Ziel, diese Menschen mit ihren Traumata aufzufangen und ihnen neue Lebensperspektiven zu geben.

Zudem bietet das neue HORlZONT-Haus Domagkpark seit 2018 dauerhaften Wohnraum für Mütter, Kinder und sozial benachteiligte Familien. Das Haus versteht sich als ein Ort der Begegnung mit vielen soziokulturellen Angeboten, die auch der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen.

Wie kann es überhaupt passieren, dass Kinder und ihre Mütter wohnungslos werden? Die Schicksale sind vielfältig: Die Mütter werden alleingelassen, der Verlust des Jobs oder eine schwere Krankheit kommt dazu. Die Frauen sind nicht mehr in der Lage, die Miete zu bezahlen, und ziehen dann mit ihren Kindern oft jahrelang von einem Ort zum anderen, nirgendwo willkommen, ohne festen Wohnsitz. Oder die Betroffenen haben über lange Zeit massive häusliche Gewalt und Unterdrückung ertragen. Wenn sie dann den mutigen Schritt wagen und aus der gemeinsamen Wohnung fliehen, bedeutet auch das meist Wohnungslosigkeit. Mit solch belastenden Lebenshintergründen kommen die Kinder und ihre Mütter ins HORIZONT-Schutzhaus. Für manche ist es das erste Mal überhaupt, dass sie echte Hilfe erfahren.

Der geschützte Raum in diesem Haus macht es den Kindern und ihren Müttern möglich, Kraft zu tanken und wieder leben zu lernen. Ein langer Weg, der sich lohnt. Denn der Erfolg von HORIZONT der vergangenen fast 25 Jahre bestätigt: Die Verbindung von Wohnraum mit professioneller Betreuung unter einem Dach hilft, die Situation der Familien nachhaltig zu verändern. So bekommen sie eine zweite Chance auf ein selbstbestimmtes Leben.

Bilder: Cordula Treml, Barbara Volkmer, Daniel Hesse

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